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Sakrale Kunst > Grabmalkunst > Das Grabmal - Symbole neu entdeckt 

Als meine Liebe unbedroht war, kannte ich ihre Tiefe noch nicht.

Haiku, Ursprung unbekannt

Der Verlust von Kindern bedeutet Verlust von Zukunft, der von den Eltern hingegen Verlust von Vergangenheit. Kurz vor seinem Tod scherzte Tristan in seiner ihm eigenen Art: »Ich habe großes Glück jetzt zu sterben, so muss ich denn nicht am Grab meiner beiden lieben Altchens stehen - aber hier und da verlieren wir Menschen auch den Kontakt zu unserer eigenen Seele. Dann passiert es, dass wir gar nicht wissen, warum wir so traurig sind.«


Auf dem Boden fest verankert steht das Grabmal zu aller erst für die Gegenwart. Als Zeichen der Trauer und des Verlustes nimmt es die Stelle des Verstorbenen ein - als Erinnerungsmal für Hinterbliebene. Das Grabmal ist auch ein Stück Vergangenheit. Nicht nur die formalen Eckdaten: geboren, gestorben sollten auf einem Grabmal stehen; sogar ein Ausweispapier sagt mehr über mich aus als ein Grab. Es zeigt zumindest ein Bild von mir.

Tristan wollte einen etwas ungewöhnlichen Stein, eine schräge Platte, mit einer flachen Kuhle drin als Vogeltränke, und einem Emaillebild. Auf dem Bild sind seine Eltern, Herbert und Isolde zu sehen, und Tristan in der Mitte. Links von Tristans Vater sollte der Anfang des Zitates stehen: Als meine Liebe unbedroht war, ... und rechts neben Mutter das Ende des Gedichtes: ... kannte ich ihre Tiefe noch nicht. »Es ist für euch. Ich mache mir Sorgen, dass ihr glaubt, mit mir, mit meinem Tod, bricht etwas in eurer Liebe auseinander.«

Eigentlich fing das Dilemma erst damit richtig an, dass Tristans Mutter den Zweig - dieser kleine Zweig hatte eine lange Bedeutung und war mit Tristan um die halbe Welt gereist - in Bronze abgießen lassen wollte, um ihn als Vogel-Ausruhe-Zweig über der Vogeltränke anbringen zu lassen.
Da hätten Sie mal den Friedhofs-TÜV, pardon, die zuständige Behörde erleben sollen: Eine Vogeltränke auf dem Grabmal? Wir haben zwar die endgültige Genehmigung noch nicht, aber wir sind immerhin schon ein kleines Eingabe-Stückchen weitergekommen. Wie ich Tristan kenne, hätte er vermutlich trotzdem seinen Spaß an dieser Behörden-Verordnungs-Kompliziertheit gehabt.

»Ja, es möchte schon vorkommen, dass vorbeifliegende Grabsteine mit ihren Zweigen ruhende Vögel erschlagen.«