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Sakrale Kunst > Trauer & Bestattungskultur > Geschichte der Sterbe-, Trauer- und Bestattungskultur > Das 18-19 Jahrhundert 

Tristan hat sich viel mit dem Thema Sterben, Tod und Trauer beschäftigt. Es sind seine Bücher, aus denen ich hier zitiere, vielmehr aus seiner Bibliothek. In diesem Kapitel habe ich ein Lesezeichen gefunden:
Über die Entzauberung des Todes ... sie hat eine lange Geschichte. Seit der Reformation gab es eine zunehmende Tendenz, die Lebenden und die Toten zu trennen; eine Tendenz, die sich mittlerweile auch auf das Verhältnis von Lebenden und Sterbenden erstreckt. Heute wird gerne mit einem romantisierenden Blick auf die Vergangenheit geschaut. Tatsächlich war der Umgang unserer Vorfahren mit den Toten keineswegs nur gefühlsbetont und harmonisch, wie die Nostalgiker uns gern suggerieren. Bei näherem Hinsehen finden sich anonyme Massengruben und monotone Reihengräber, Großfriedhöfe und Leichenhallen auch schon in früheren Jahrhunderten.

Der Dieb William Snow († 1789) sollte in London am Strassenrand, wie es üblich war, gehängt werden, aber das Seil riss. Snows letzte Worte lauteten:

 


Liebe Leute, lasst euch Zeit, ich kann warten.

Gewiss: im Mittelalter bot der christliche Glaube Sicherheit für den Seelenfrieden, indem er den Tod nicht als unerbittliche Grenze erscheinen ließ. Aber schon bevor die Reformatoren diese trügerische Symbiose von Lebenden und Toten verwarfen, hatte die Nürnberger Stadtregierung im Spätmittelalter versucht, den Pomp beim Totenkult einzuschränken - das Geld schien ihr allzu unproduktiv angelegt.

In der Reformationszeit (16. - 17. Jh.) wurden Friedhöfe reihenweise vor die städtischen Tore verlegt, weil das Hygieneargument zwingender war, als die häufig beschworene Gemeinschaft von Lebenden und Toten auf den Kirchhöfen inmitten der Städte. Sie sehen, nicht erst heute wird der Tod den Menschen aus der Hand genommen.

Die Ewigkeit ist lang - besonders am Ende.

Woody Allen

Bereits um 1800 zeigte der Bau der ersten Leichenhalle, dass man medizinisch-hygienischen Argumenten einen höheren Stellenwert einräumte als der Aufbahrung im Familienkreis. Verklärend ist auch das frühe Bild von den Gefühlen im Umgang mit den Toten. Die bürgerlichen Romane des 19. Jahrhunderts sind voll von gefühlsseligen Sterbe- und Trauerszenen. Natürlich wurde in Zeiten bürgerlicher Empfindsamkeit manch theatralische Träne geweint und der Tod zum emotionalen Ereignis stilisiert, selbst wenn diese Idealbilder nicht ohne realen Bezug waren. Die aufwendigen Aufbahrungs- und Bestattungszeremonien, auf die immer wieder gern verwiesen wird, sind einzelne, herausragende Beispiele aus privilegierten Kreisen - keinesfalls der Standard. Der Tod in den breiten Schichten sah anders aus, denn Armut und beengte Wohnverhältnisse verhinderten, dass aufwendige Zeremonien vorgenommen werden konnten. Weil der Tod, vor allem der von Kindern zudem allgegenwärtig war, konnte man es sich weder emotional noch finanziell leisten, jeden Sterbefall aufwendig abzuhandeln und zu verarbeiten. Die Masse der Bevölkerung wurde stellenweise bis weit ins 19. Jahrhundert hinein fast genauso namen- und zeichenlos beigesetzt wie bei der heute vielbeklagten anonymen Bestattung.




Nicht mehr durch die Familie versorgt, sondern erstmals einem Techniker überantwortet wurde der Leichnam im späten 19. Jahrhundert durch die neu entstehenden Krematorien, mochten die Kirchen, vor allem die katholische, auch noch so gegen diese angebliche Gottlosigkeit wettern. Was mit den ersten Verlegungen der Friedhöfe vor die Stadttore im 16. Jahrhundert begonnen hatte, fand seinen Abschluss in der Anlage riesiger Zentralfriedhöfe weit draußen auf der grünen Wiese. Fuhrunternehmer und Sargtischler entwickelten sich zu gemeinschaftlichen Bestattungsunternehmen. Da aber die Kirchen nicht mehr dort waren, wo beerdigt wurde, mussten traditionelle kirchliche Zeremonien zum Anachronismus werden. Die Säkularisierung des gesellschaftlichen Lebens, die schwindende Kraft der Religion im Alltag beschleunigte diese Entwicklung. Aus einer einst klassisch kirchlichen Domäne, dem Umgang mit den Toten, wurde ein Problem der Kommunalplanung. In der Friedhofsgestaltung begann der Siegeszug der Reihengräber. Mit exakt einzuhaltenden Vorschriften wurden die Gestaltung der Grabstätte und die Ruhefristen geregelt. (Quelle: Norbert Fischer / Wie wir unter die Erde kommen)

 


»Da ich eh bald sterbe, spreche ich gewissermaßen aus vorauseilender Erfahrung.«
»Vorauseilende Erfahrung mit deiner Bestattung Tristan?«
»Wir haben dieses Problem bis heute - bis heute werden die Toten in ein System gequetscht, dass der Funktionalität einen höheren Stellenwert gibt, als dem Recht des einzelnen Menschen auf Selbstbestimmung.«
»Dann muss man einfach klar machen, dass die Leute viel mehr Rechte haben. Dass sie ihre Toten nach ihren individuellen Bedürfnissen begleiten, betrauern und bestatten können. Zugegeben, es gehört noch eine gewisse Vehemenz dazu.«
»Und wenn ich jetzt sagen würde, ich will meine letzte Ruhe unter diesem Baum dort im Garten finden ...?«
»Wie der Marquis de Sade? ... Ach, Tristan, das mit den Bäumen geht momentan nur in der Schweiz.«
»Das mit dem Baum ist nicht so wichtig, was ich wirklich wünsche ist, dass Herbert später rechts von mir und Isolde links liegen sollen - wie früher, als ich zwischen ihnen schlafen durfte, wenn ein Gewitter aufzog«.